06.11.09 - "Die Worte sind für mich im Grunde nichts als ausgeklammertes Schweigen"
Theater Alte Feuerwache bringt französische Erfolgskomödie "Drei Mal Leben" auf die Badehausbühne – Vorverkauf hat begonnen – Nach "Jesus Christ Superstar" bereits die zweite Eigenproduktion in diesem Jahr
Was ist schlimmer als ein unglückliches Paar in einem Raum? Zwei unglückliche Paare in einem Raum. Ist die Gegnerschaft bei einem Paar eindeutig, so wechseln die Allianzen bei zweien so schnell, wie sich die Fronten verschieben.
Das Theater Alte Feuerwache (TAF) beschließt das zwanzigste Jahr seines Bestehens mit einer zweiten Produktion. Nach dem monumentalen "Jesus Christ Superstar", das über den Sommer weit mehr als zweieinhalb tausend Zuschauer in den Schmuckhof des Badehauses 2 und die Bad Nauheimer Dankeskirche lockte, steht nun eine vermeintlich leichte französische Komödie auf dem Spielplan. Nach weit über dreißig Mitwirkenden allein auf der Bühne im Sommer nun nur vier. Ganz bewusst wollen die Theatermacher in diesem Jahr zeigen, wie groß die Bandbreite ist, die man in der Lage ist, auf die Bühne zu bringen.
Die Französin Yasmina Reza ist derzeit die meistgespielte zeitgenössische Theaterautorin der Welt. Neben "Kunst" und "Der Gott des Gemetzels" ist "Drei Mal Leben" das dritte Erfolgsstück der Pariserin, dessen Uraufführung Luc Bondy im Wiener Akademietheater 2000 inszenierte. Die beiden Männer Henri und Hubert sind Astrophysiker; die beiden Frauen Sonja und Ines Hausfrauen mit teilweise stillgelegten Karrieren. Henri hat seit zwei Jahren keine wissenschaftliche Arbeit mehr veröffentlicht. Nun hat er endlich einen Artikel verfasst und benötigt ein Gutachten von Hubert. Hubert teilt Henri mit, dass eine ähnliche Arbeit eines mexikanischen Forschers bereits vorliegt. Das ist natürlich ein Problem, das bald die ganze Runde beschäftigt und beglückt.
Es sind die Konstellationen, die Rezas Stück so interessant machen. Macht und das Bewusstsein darüber, ihr Gegenstück, das Unterwerfen, die unterschiedlichen Rollen, die wir alle in unterschiedlichen Lebenssituationen spielen, so im Beruf oder daheim. Unter der Oberfläche heizen diese Konstellationen die Konflikte mächtig an, bis sie die brüchige Decke aus Geplauder, politischer Korrektheit und Höflichkeit nicht mehr bändigen kann und sie offen zutage treten. Eleganterweise stattet Reza ihre Figuren mit trefflicher sprachlicher Eloquenz aus, sodass die Austragung der Gegensätze zwischen den Charakteren entlang spitzer Andeutungen, vernichtender Komplimente und alarmierender Beschwichtigungen verläuft, auch wenn die Autorin selbst, wie sie einmal in einem Interview bekannt hat, der Überzeugung ist, dass ihre Figuren am stärksten anwesend seien, wenn sie schwiegen. Die Worte seien in diesem Zusammenhang nicht viel mehr als "ausgeklammertes Schweigen".
Die Dialoge gehen so weit, dass man schon glaubt, der Boulevard habe Einzug gehalten und es würde ein "best of" allzu austauschbarer Verwechslungskomödien aus den Achtzigerjahren gegeben. Wenn da nicht dieses mulmige Gefühl bliebe, das sich spätestens mit dem zweiten Akt einstellt, wenn auf einmal alles von vorn beginnt. Der Theaterkniff, mit dem Reza ihre Handlung über eine solche Boulevardkomödie hinausführt, ist einfach, aber wirkungsvoll: Die Situation wird dreimal hintereinander gezeigt, jedes Mal (leicht) variiert. Immer überraschend, immer allzu bekannt, immer lächerlich, immer schlimm – ein hinreißendes gruppendynamisches Experiment in drei Variationen: Ende offen.
Eigentlich wollten die Macher des TAF die hintergründige Komödie bereits Ende 2008 auf die Badehausbühne bringen, doch die intensiven Vorbereitungen für Baron Webbers Rockoper machten eine parallele Produktion damals unmöglich. Dennoch hielt man an dem Plan fest, "Drei Mal Leben" in Bad Nauheim zur Aufführung zu bringen. Susanne Fey, die "Sonja" aus dem Stück, erinnert sich: "Schon beim ersten Lesen mussten wir minutenlang pausieren, weil wir aus dem Lachen nicht herauskamen." Und Stefan Wendt, der den "Hubert" gibt, ergänzt: "Wir waren sehr enttäuscht, als klar wurde, dass wir es im ersten Anlauf nicht schaffen würden. Deshalb bin ich sehr froh, dass das Ensemble sich die Vorfreude und die Motivation erhalten konnte und nach der Kräfte raubenden Großveranstaltung im Sommer noch einen hinten dran setzt." Komplettiert wird das Quartett durch Valérie Nicolas ("Inès") und Alexander Wicker, der neben seiner Rolle als "Henri" auch die Inszenierung verantwortet. "Eine echte Herausforderung," sagt er, "in einem so kleinen und dichten Stück auf der Bühne zu stehen und doch nicht so ganz, weil man immer auch das ganze Bild, den großen Bogen im Auge behalten muss. Da ist es hilfreich, dass auch die anderen Beteiligten eine starke und eigenständige Meinung zu ihren Charakteren haben." So halte ein wenig Teamwork Einzug in die Theaterarbeit. Die Figuren im Dialog zu entwickeln, das schätzt Wicker an der Zusammenarbeit in dem kleinen Ensemble, auch wenn es am Schluss einer Entscheidung bedürfe. "Den Spaß aus den ersten Leseproben haben wir uns erhalten," fasst Nicolas zusammen und hofft, "dass die Zuschauer davon angesteckt werden."
Der Vorverkauf für "Drei Mal Leben", das am 5. Dezember Premiere feiern wird und dessen Aufführungen sich noch bis in das kommende Jahr hineinziehen werden, startete am Samstag, dem 14. November 2009 in der Buchhandlung am Park, Parkstraße 20 in Bad Nauheim, Telefon 06032-2525. Karten sind für EUR 13, ermäßigt für EUR 9 (jew. zzgl. VVK-Gebühr) erhältlich.
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