06.06.10 - "Nein, ich will es nicht sehen!"
TAF startet Vorverkauf für Collage über den spanischen Dichter Federico García Lorca – Premiere am 19. Juni im Badehaus 2
Bad Nauheim. Gerade erst wurde "Drei Mal Leben" nach sieben Monaten im Programm zum letzten Mal aufgeführt, da wartet das Theater Alte Feuerwache (TAF) auch schon mit der nächsten Produktion auf. Am 19. Juni feiert "Federico – Dichter des Mondes" im Bad Nauheimer Badehaus 2 Premiere.
Der 1936 von Faschisten während des spanischen Bürgerkriegs erschossene Dichter Federico García Lorca gilt als Wegbereiter des modernen spanischen Theaters. Das künstlerische Multitalent – neben der Arbeit als Schriftsteller war er auch Puppenspieler, Maler, Komponist und Pianist – wurde nur 38 Jahre alt. Schon zu Lebzeiten feiert er mit seinen dramatischen Werken große Erfolge, geht auf Reisen nach Nord- und Südamerika. Seine Herkunft aus wohlhabendem Haus hält ihn nicht davon ab, die prekäre Situation der spanischen Landbevölkerung und insbesondere die Stellung der Frau in dieser von Männern dominierten Gesellschaft in den Fokus seiner Arbeit zu nehmen. Neben dieser politischen Dimension gilt Lorcas Werk aber auch künstlerisch als wegweisend für das spanische Drama des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb 1948 über Lorca: "Vision wird ohne Anstrengung hergestellt. Sie ist schwindelerregend, ohne dass ihr Atemlosigkeit anzumerken ist. […] Beziehungsreich und tiefsinnig wird Heterogenes verknüpft, spannt sich Bild durch Bild. Das Ganze wird zu einer Summe abendländischer Erfahrung und Widerfahrung." Die Macht des Schicksals und die Allgegenwart des Todes sind zentrale Themen von García Lorcas literarischem Werk, das in der Kultur Andalusiens verwurzelt ist und Einflüsse sowohl der arabischen Kultur als auch der Lebenswelt der Zigeuner aufweist. Er schildert elementare Gefühle und Konflikte des Menschen und zeigt, wie Traum und Wirklichkeit einander durchdringen. In seine Dramen flossen sowohl Elemente volkstümlicher Musik wie auch surrealistischer Poesie ein. Seine Musikalität spiegelt sich in Rhythmus und Melodie seiner klangvollen Sprache wider.
Anders als im Beruf ist Lorca im Privaten fortwährend unglücklich. Seine Homosexualität grenzt ihn aus und macht ihn zusammen mit seinen politischen Überzeugungen zum Feindbild der Rechten, die sein Werk nach der Machtübernahme durch Franco bis 1953 gar mit einem Bann belegen. Selbst das postfrankistische, doch noch immer erzkatholische Spanien leugnet diesen Teil seiner Biographie über Jahrzehnte. Sogar seine Dichtung wird zensiert, indem man vermeintliche Anspielungen auf seine sexuelle Orientierung umschreibt oder einfach streicht. Mit Salvador Dalí verbinden ihn wie mit dem Komponisten Manuel da Falla und dem Regisseur Luis Buñuel enge Freundschaften, deren teils leidenschaftliche Züge allerdings einseitig bleiben.
Das TAF präsentiert nun "eine faszinierende Reise in die kühne und melodische Bildersprache, die außergewöhnliche Metaphernwelt, die schier unerschöpfliche Phantasie des vielseitig begabten Künstlergenies." Für Susanne Fey, die die Collage zusammengestellt hat und auch Regie führt, ist die Produktion eine Herzensangelegenheit: "Lorca fasziniert mich, seit ich vor einigen Jahren seine Werke im Rahmen eines anderen Theaterprojekts kennen gelernt habe. Seine Sprache, seine schier undurchdringlich anmutende Welt aus überbor-dender Phantasie auf der Bühne sichtbar zu machen, seine literarischen Bilder für die Zuschauer umzusetzen, das ist eine besondere Herausforderung." Die Macher versprechen dann auch gleich: "So haben Sie Lorca noch nie gesehen!" Im Mittelpunkt von Feys Zusammenstellung stehen die dramatischen Werke des meistübersetzten spanischen Dichters. Doch auch seine Lyrik kommt nicht zu kurz, fein sind zudem historische Informationen mit den Originaltexten verwoben. So werden Zusammenhänge deutlich, die ansonsten im reichen Dickicht der Lorca’schen Dichtung verborgen zu bleiben drohen. Das TAF hebt so einen wahren literarischen Schatz, dessen kühn und zugleich so selbstverständlich modernisierende Kraft auch heute noch spürbar ist.
Es ist ein zum Teil recht junges Ensemble, das sich für dieses außergewöhnliche Projekt zusammengefunden hat. Doch das ist nicht ungewöhnlich für das TAF, wie der Vorstandsvorsitzende Alexander Wicker, selbst Mitwirkender, anmerkt: "Das TAF ist absoluter Anziehungspunkt für theaterbegeisterte Jugendliche und junge Erwachsene. Die Mischung aus 'alten Hasen' und jungen Talenten sorgt auch bei diesem Stück wieder für eine besondere Arbeitsatmosphäre. Wir haben derzeit bei jeder Versammlung zwischen drei und zehn neue Interessenten dabei und sind absolut glücklich, auf diese Weise unsere künstlerische Bandbreite hoch halten zu können." Und Gunnar Bolsinger, stellvertretender Vorsitzender, ergänzt: "Beim TAF kann jeder mit Talent und Fleiß auch bei ihrem oder seinem ersten Stück große Rollen übernehmen, es gibt keine Hierarchie außer der der Qualität."
So kommt es, dass die Theatermacher vom TAF mit ihrem neuesten Projekt eine der größten spanischen Künstlerpersönlichkeiten nicht nur einer neuen Generation von Schauspielerinnen und Schauspielern, sondern auch einem neuen und jungen Publikum zugänglich machen. Und auch solche, die Federico García Lorca ohnehin schon schätzen, werden Neues entdecken. Lorcas "Klage um Ignacio Sánchez Mejias", dem Künstler und Torero, der 1934 an den Folgen seiner in der Stierkampfarena erlittenen Verletzungen starb, entspringt die Wendung "Nein, ich will es nicht sehen!" Eine Haltung, die in Bezug auf die neue TAF-Produktion keinesfalls empfehlenswert ist!
"Federico – Dichter des Mondes": Premiere am 19. Juni, weitere Aufführungen am 20./25./27. Juni, 28./29. August sowie am 10./12. September 2010 im Badehaus 2, Sprudelhof, Bad Nauheim, Beginn ist jeweils 20 Uhr (Einlass 19.30 Uhr).
Karten sind für EUR 13 / EUR 9 ermäßigt (jeweils zzgl. VVK-Gebühr), ab sofort wie gewohnt in der Buchhandlung am Park, Aliceplatz 3+4 in Bad Nauheim, Telefon 06032-2525 erhältlich.
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