


Zusatzaufführungen

7. - 9. Mai 2010

Premiere: 19. Juni 2010
Schwester Rose
Premiere: 04. Dezember 2010
Die heilige Johanna der Schlachthöfe
Premiere: 2011
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Zeitsprung ins dritte Jahrtausend
Das Theater Alte Feuerwache
gastiert im Kurtheater Bad Nauheim mit Bertolt Brechts „Dreigroschenoper"/
Bettler der Zukunft
Drei Stunden lang schwingen sie brav den moralischen
Zeigefinger, ehe die Inszenierung fast alles verdirbt. Mädchen in
knöchellangen Roben schleppen den armen Bert Brecht auf die Bühne, der Mackie
Messer die Freiheit schenken soll. In der Rolle des Boten, der selbstverliebt an
seiner Zigarre saugt, wendet er den Ausgang der „Dreigroschenoper" zum
Guten. Was Pia Nußbaum und Stefan Wendt im Kurtheater Bad Nauheim als
originellen Höhepunkt erdachten, machte ihre Absichten mit einem Schlag
zunichte.
Obwohl Brecht dem Illusionstheater gehörig zusetzte, das
Bürgertum provozierte, mit Spruchbändern das Gezeigte als Schein entlarvte,
behielt er selbst festen Boden unter den Füßen. Inmitten der Charaktere, die
er mit Nachdruck als fiktive Gestalten auswies, wird er nun selbst als
Rollenfigur bemüht. Weil Brecht im Hintergrund blieb, gewann seine „Oper"
kritische Schärfe. Als Mitspieler nimmt er ihr den Bezug zur weiten Welt
jenseits der Bühne. Die beiden Regisseure haben die Geschichte von Peachum, dem
König der Bettler, und Mackie, dem Verbrecher, durch Zeit und Raum weit in das
dritte Jahrtausend katapultiert, wenn der Groschen längst dem schicken „Euro"
gewichen ist und keiner mehr mit dem anderen reden will.
Dort zelebrieren Nußbaum und Wendt das tragische Schicksal des Macheath, der
Peachums Tochter Polly zur Frau nimmt, was den Groll des Schwiegervaters
schürt. Metallbalken umzäunen das futuristische Soho, vermutlich ein
Raumschiff, das allein den Namen des englischen Ortes trägt. Der König der
Bettler blickt eitel von seinem Baugerüst herab, lässt die Gestalten des
Elends aufmarschieren, die das Geberherz erweichen sollen, während er die
Untergebenen tyrannisiert. Robert Garmeister lässt den Peachum mit verkniffener
Miene und sanfter Stimme um Gewinnanteile feilschen, mimt ihn als abgebrühten
Geschäftsmann, der seine Tochter keinem Verbrecher kampflos überlassen würde.
Doch dann folgt Mackie, der Polly im brustfreien Hercules-Kostüm steifbeinig
zur Hochzeitstafel führt, und das Gefecht ist entschieden, bevor es begann.
Eckart Winkler degradiert den gefürchteten Mörder zum blassen Taschendieb, der
heiser seine Lieder krächzt und die Zähne bleckt, als müsse er Zahnpasta
vermarkten - um jeden Preis.
Die Regisseure haben ein düsteres Volk gezeichnet, das Gespräche verweigert
und fortwährend der Verfremdung huldigt. Neben hochdosierter Sozialkritik in
Monologen an der Rampe bleiben Spaß und Unterhaltung nahezu auf der Strecke.
Allein das Junge Sinfonie-Orchester Wetzlar unter der Leitung von Peter
Schombert durchlüftet den bedeutungsschweren Vortrag mit einer schwungvollen
Umsetzung von Kurt Weills Musik. Da die Figuren mit ihrem
Belehrungs-Fetischismus alle Komik der literarischen Vorlage getilgt haben,
holen sie banalen Witz durch die Hintertür in den Orbitkreuzer. Emsig rühren
die Huren ihren Kaffee, und der bestechliche Polizeichef Tiger-Brown schlottert
so erbarmungswürdig, als wolle ihm Macheath seinen unappetitlichen Zahnstocher
zwischen die Rippen stoßen.
Viola Muscola als Polly singt sich kräftig vom braven Mädchen im blauen
Plastikkleid zur listigen Gangsterbraut, die nach Mackies Vermögen giert, noch
bevor er am Galgen baumelt. Schon fasst ihr ein Wärter an die Brust, und der
Gatte sieht zu, während der Autor höchstpersönlich den ganz und gar
ungebildeten Kopf vor der Schlinge bewahrt. Freilich ein schwacher Trost für
jemanden, der Brecht nur als Imperativ von "brechen" kennt.
ALEXANDER BARTI, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Juli 1996, Seite
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