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Die Dreigroschenoper
TheatergeschichteMit den Theatererfolgen ist es wie mit allen Erfolgen: Sie kommen nur zustande, weil man sich dem Publikum anpasst, weil man dem Publikum das zeigt, was es sehen will. Nun ist ja die Dreigroschenoper teilweise als Parodie auf das "schöne Theater" angelegt, und wer diese Parodie nicht erkennt, für den sind diese Teile ohnehin das, was er sehen will. Was aber beim überwiegenden Teil der auf die Uraufführung folgenden Inszenierungen gemacht wurde, ging weit über das von Brecht Gewollte hinaus. Die Dreigroschenoper wurde verschönt. Die "schmutzigen" Szenen wurden gestrichen oder dermaßen umgearbeitet, dass sie doch wieder einen positiven Eindruck machten. Erst 1956 machte sich Giorgio Strehler in Mailand an eine Neuinszenierung. Ihn hatten eben jene Verschönerungen gestört, und er wollte wieder eine Dreigroschenoper im Sinne Brechts entstehen lassen. Er arrangierte eigens ein Gespräch mit Brecht, um die Vorstellungen beider auf einen Nenner zu bringen. Brecht betonte, dass die sozialkritische Haltung niemals aufgegeben und dass das Stück unbedingt episch inszeniert werden müsse. Beide Voraussetzungen seien bei den meisten Inszenierungen nicht beachtet worden. Strehler befand, dass die meisten Regisseure dem Publikum nachgeben, das nicht den Eintrittpreis bezahlt, um Dreck ins Gesicht geschmissen zu bekommen. Er jedenfalls wollte dem Publikum nicht nachgeben. Obwohl das epische Theater in Italien bis dato gänzlich unbekannt war, ging er mit Brecht in den wesentlichen Punkten konform. Denn was bedeutete das epische Theater für Strehler? Dass das Publikum sich über bewusste Verfremdungen wundern und dadurch mit den gleichzeitig transportierten Inhalten beschäftigen sollte. Beispielsweise ließ er Macheath und Polly in einer Garage heiraten und die Hochzeitsnacht in einem Fiat verbringen. Brecht war von dem Resultat begeistert. Er schrieb an Strehler: Ich wollte, ich könnte Ihnen in Europa alle meine Stücke überlassen, eins nach dem anderen. Danke, Bertolt Brecht. Einen weiteren Meilenstein in der Theatergeschichte der Dreigroschenoper stellt die Inszenierung im Jahr 1960 im Theater am Schiffbauerdamm dar. Erich Engel, der Regisseur der Uraufführung, machte sich an selber Stelle an eine Neuinszenierung. Seine Ankündigung: „Sie sehen hier ein Stück, das von der Deformation der Menschlichkeit durch ein verrottetes System handelt. Vom inszenatorischen Gesichtspunkt war es eine konsequente Weiterentwicklung der Uraufführung. Engel sprühte geradezu vor Ideen zur Umsetzung des epischen Konzepts. Er arbeitete Details heraus, an die man früher nicht einmal gedacht hatte. Mit Sicherheit wäre Brecht, hätte er denn noch gelebt, auch von dieser Aufführung begeistert gewesen. Allerdings hatte die Angelegenheit auch politische Brisanz. Die hier geübte Kritik am Kapitalismus war deutlich eine Kritik am anderen Deutschland, an der Bundesrepublik. Sollte bei der Uraufführung vor allem dem Publikum das Lachen im Halse gefrieren, sobald es erkannte, dass es über sich selbst lachte, so war das hier gar nicht mehr möglich. Die Adressaten der Kritik saßen gar nicht im Theater. |
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