
Des Menschen Freiheit: seine Unverbesserlichkeit
Gelungene Premiere der neuen Produktion des Theaters »Alte Feuerwache«
Bad Nauheim (hkr). Die Theaterstücke von Slawomir Mrozek genießen Weltruhm,
weil seine Stücke, die mit Brecht, Dürrenmatt und Beckett verglichen werden,
eine doppelte Funktion haben. Einerseits das absurde Theater mit seinen
grotesken Situationen und schrillen P9auren, die sich durch einen schwarzen und
zugleich bitteren Humor auszeichnen. Andererseits die politische Parabel, die
Fehlentwicklungen und Fragwürdigkeiten von Ideologien und Gesellschaftsformen
hinterfragt. Unter dieser Voraussetzung hat sich das Theater »Alte Feuerwache (TAF)«
zweier Stücke des 1930 in Borzecin/Krakau geborenen Mrozek angenommen und mit
viel Aufwand im Usa-Wellenbad zur Aufführung gebracht. »Striptease« und »Auf
hoher See« gehören inzwischen zu den Klassikern des modernen Theaters, da hier
die Absurdität menschlicher Existenz vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Missstände
veranschaulicht wird.
Das erste Stück, 1961 in Sopot uraufgeführt, diskutiert die verschiedenen
Inhalte und Variationsmöglichkeiten des Begriffes Freiheit. Zwei Personen
bemühen sich, Vorstellung von Freiheit zu vermitteln. Parallelen und
Gegensätze können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass innere und
äußere Freiheit verschiedene Grundlagen haben, denen sich die Individuen
anpassen
(müssen). Eine äußere Kraft in Form einer starken Lichtquelle zeigt die
Grenzen der Freiheit und ihre Nachgiebigkeit im Falle jedes Einzelnen. Sie nimmt
den Personen ihre Kleidungsstücke ab, beugt deren Willen und kettet die
Personen letztendlich, nach der Erfahrung der eigenen Kleinheit, symbolisch
aneinander, um sie dann »geläutert« und profillos ins Leben zu entlassen.
Martina Mischke und Viola Muscolo als Frau I und Frau II überzeugen als Opfer
der eigenen Ratio. "Auf hoher See" bemüht sich weniger um einen
philosophischen Diskurs, sondern hat ganz deutliche Bezüge zur politischen Wirklichkeit in Polen. Ebenfalls 1961
entstanden, thematisiert Mrozek, der als Erzähler und Karikaturist in Polen großes
Ansehen genoss und erst 1968 in Folge des Prager Frühlings seinen Abstand zur sozialistischen
Ideologie erklärte, an Hand von drei anonym bleibenden Personen die politischen Verhältnisse.
Der »Dicke« (Stefan Wendt), der »Mittlere« (Gunnar Bolsinger) und der »Schmächtige«
(Robert Garmeister) sind die Vertreter politischer Gruppierungen, die die Demokratie und den
Parlamentarismus als marode charakterisieren. Der nüchterne, arrogante
Vernunftmensch (Wendt), ein Aristokrat mit dem Hang zur Demagogie und
Selbstherrlichkeit, und sein einfältiger Mitläufer (Bolsinger), dem seine Grundbedürfnisse über alles gehen,
beschließen aus Gründen der Selbsterhaltung, den Idealist, der nach Gerechtigkeit und
Humanität verlangt, zu verspeisen, da man nach einem Schiffbruch auf hoher See ohne
Nahrung treibt. Das große Becken des Hallenbades entpuppt sich geradezu als Glücksfall, um die
absurde Situation realitätsnah nachzuzeichnen. Als Vorbereitung für das zweite Stück
sprachen Christine Külzer und Valérie Nicholas den Prolog zu »Der Untergang der Titanic«
von Hans Magnus Enzensberger, bei dem die Havarie symbolischer Ausdruck des
Immerwiederkehrenden ist.
Die Stücke, allesamt von Viola Muscolo, Valérie Nicolas und Pia Nußbaum inszeniert, sind in ihrer Dramaturgie
originell, was dem absurden Theater entgegenkommt. Der Erfolg ist der TAF-Gruppe
auf jeden Fall schon beschieden. Für die weiteren Aufführungen gibt es schon reges Interesse.
Giessener Allgemeine Zeitung, 29.05.1998
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