Des Menschen größter Feind
Mit Spannung wurde am Sonntag der Aufführung von "Tarelkins Tod"
der Laienschauspielgruppe TAF entgegengesehen.
BAD NAUHEIM. Wände voller Paragraphen und Vorschriften sind in blutiges Rot
getaucht. Worte wie "Willkür", "Blutsauger" oder
"Sondervollmachten" springen den Zuschauern ins Auge und bestimmen das
düstere, teils von Rauchschwaden eingenebelte Bühnenbild zu "Tarelkins
Tod". Was die Laienschauspielgruppe Theater Alte Feuerwache (TAF) am
vergangenen Sonntag Abend im fast vollbesetzten Kurtheater Bad Nauheim zeigte,
ist die "Hölle", die der Mensch sich selbst durch einen korrupten
Staatsapparat schafft.
Tarelkins Tod", eine Farce des russischen Schriftstellers Aleksandr
Suchovo-Kobylin (1817-1903), dreht sich um einen Staatsrat 4. Klasse namens
Tarelkin (Stefan Wendt), der seinen eigenen Tod plant, um sich von seinen
Schulden zu befreien. Wirklich sterben will er freilich nicht, und da trifft es
sich gut, dass sein reicher Nachbar Kopylov gerade das Zeitliche gesegnet hat.
Tarelkin beschließt, seine Identität mit der Kopylovs zu vertauschen. Doch der
raffinierte Plan funktioniert nicht, denn seine Vorgesetzte, Maksim Varravin
(Valérie Nicolas) durchschaut ihn und behauptet, Tarelkin sei zum Vampir
mutiert.
In dem dreistündigem Theaterstück agieren die Obersten in der
Beamtenhierarchie in so teuflischer Manier, so dass gelegentlich sogar die roten
Hörner der Staatsrätin 1.Klasse, Varravin, vor Übereifer blinken. Die
untergeordneten Beamten mit ihrem Einheitsoutfit und den riesigen Hornbrillen
sind dagegen deren Marionetten. Doch wehe, die Großen geben den Kleinen
"Sondervollmachten", dann werden auch sie zu erbarmungslosen Folterern
im Sinne ihrer persönlichen Interessen.
Das skurile Theaterstück, das nach 32jähriger Zensur erstmals 1900
aufgeführt wurde, verlangt den Laienschauspielern oftmals eine Mischung aus
Komik und Ernst ab, die insbesondere Stefan Wendt als Tarelkin professionell
beherrscht. Auch Valérie Nicolas merkt man ihre bereits häufigere
Bühnenerfahrung an. Die Inszenierung von TAF hält für das Publikum so manche
Überraschung parat. So läuft ein Polizist die Publikumsränge ab und zerrt
Gutsbesitzerin Cvankin (Aldona Watolla) zum Verhör oder zeigt den gefangenen
Tarelkin in einem überdimensionalen Aktenordner hinter einer riesigen
Spinnwebe. Im letzten Drittel der Vorstellung verliert das Stück dann aber an
Spannung. Die Verhörszenen hätten ohne Verlust zusammengestrichen werden
können. Das Publikum hatte längst verstanden, dass es in diesem Stück jedem
an den Kragen ging.
Claudia Kahlmeier, Frankfurter Neue Presse, 18. Juni 1997
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