Printausgabe vom 24.05.2004 Von Martin
Mahler
Bad Nauheim. Was nur macht den ewigen Reiz von der Geschichte
der verhinderten Liebe aus, von der Liebe die nicht sein darf, von
der Liebe die (tot)unglücklich endet? Das Weiden am Scheitern? Selbstmitleid
über ähnliche Züge in der eigenen Biografie? Oder die Sehnsucht,
die stets allen nur denkbaren glücklichen Variationen der Realität,
zumindest in der Fantasie, überlegen ist? Vielleicht eine Mischung
aus alledem. Jedenfalls haben die Schauspielerinnen und Schauspieler
des Theaters Alte Feuerwache (TAF) mit «Cowboys & Clowns» den
unzähligen Adaptionen von «Romeo & Julia»-Stoffes eine weitere
hinzugefügt, die derzeit in der wunderbaren Atmosphäre des Badehaus
2 im Bad Nauheimer Sprudelhof einen fulminanten (meist ausverkauften)
Erfolg feiert. Wobei sich die Version von Viola Muscolo, Pia Nußbaum
und Thomas Leichtweiß eher an die «Westside Story» denn Shakespeare
hält.
Vorneweg: Mit viel Leidenschaft und großartigem Engagement gehen
die 20 jungen Laien-Schauspieler zu Werke. Besonders die männlichen
Akteure sind in dieser Hinsicht hervorzuheben. Ganz hervorragend
Stefan Wendt (Vincent) als zynischer und skrupelloser «Pate», als
moderner Machiavelli des Viertels. Blendend der in Elisabeth (Hanna
Binder) verliebte Marlon (Philipp Höck), die beiden Gang-Chefs Wolf
Schneider (Gunnar Bolsinger) sowie Gabriel (Sinan Sert) und Bandenmitglied
Jerrit (Christian Neumeyer), die sich teilweise in hilfloser Coolness
geben, teils vor Aggressivität nur so sprühen, dass im Besucher
der ersten Reihe Furcht aufsteigt, Opfer derselben zu werden. Erstaunlich,
was die Truppe aus der kleinen Bühne, aus der minimalistischen Kulisse
(die im Wesentlichen aus einem Stahlgerüst besteht) ohne Requisiten
herausholt. Das ist großes Theater, zweifelsohne. Doch die Mimen
glänzen nicht nur von der Mimik und Darstellung her, sondern auch
dann, wenn es so richtig zur Sache geht, beim Kampf der rivalisierenden
Gangs, der «Schneiders» und der «Engel».
Da fliegen die Fäuste – hautnah miterlebt – so scheinbar echt,
dass sich davon selbst Schimanski eine Scheibe abschneiden könnte.
Apropos Rabatz: Ab und an funkelt in den Dialogen ein Hauch von
erfrischender Ironie, beispielsweise wenn Marlon vor dem Fight in
die Runde fragt, ob man nicht noch schnell die Nationalhymnen spielen
wolle. Ein weiteres Plus von «Cowboys & Clowns» sind die vorgetragenen
Hits aus den vergangenen drei Jahrzehnten, welche die Inszenierung
tragen. So Michael Jacksons «Beat it», David Bowies «Heroes», Madonnas
«Live to tell», Tracy Chapmans «Behind the wall» oder der auf dem
Original von Stevie Wonder beruhende Rap «Gangsta´s Paradise».
Die Sprache kommt ziemlich derb und rüde herüber, was dem Stück
gewiss die auf der «Straße» so genannte «Credibility», sprich Authentizität,
verleiht. Was allerdings teilweise – schade, schade – nicht funktioniert,
ist die gelegentlich starre 1:1-Adaption von Bernsteins «Westside
Story».
Die bei «Clowns & Cowboys» geschilderte Szenerie, bei der
fast ausschließlich deutsche Gangs die Straße beherrschen, gibt
es heute so in keiner Stadt mehr, wodurch manche Rituale der männlichen
Akteure eher an Sandkastenspiele erinnern, denn an einen brutalen
Überlebenskampf, der sich angeblich abspielt, der durch Dialoge
immer wieder betont wird. «Das Recht auf der Straße könnt ihr nicht
erben, man muss es sich immer wieder erkämpfen», heißt es an einer
Stelle. Aber dafür benötige man mehr als einen Schlagring. «Mitziehen
oder ins Gras beißen.» Da wirkt es dann auch ziemlich naiv, wenn
einige der Figuren erschrocken sind, dass im entscheidenden Moment
andere Waffen gefragt sind als die Fäuste. Über diese Zeiten, können
höchstens noch pensionierte Reeperbahn-Luden schwadronieren. Zudem
funktioniert die starre Adaption auch dort nicht, wo die Technik
von heute die Fußarbeit der fünfziger Jahre längst überholt hat.
Wozu – und warum vor allem – heute noch die Schwester des Getöteten
(Silke Börstler, alias Roxane) zum fatalen Liebesboten-Gang ins
gegnerische Nest schicken, um den tragischen Ereignissen den fatalen
Kick zu geben? In Zeiten von Handy und SMS macht dies natürlich
keinen rechten Sinn. Davon aber mal abgesehen, bietet das TAF mit
«Cowboys & Clowns» unbestritten zweieinhalb Stunden prächtige
Unterhaltung ohne zu viel Tiefgang. Trotz eines tragischen Endes
verlässt der Zuschauer ohne Melancholie oder Schwermut den Ort der
Handlung, das Badehaus, was vielleicht auch am furiosen Song-Medley
zum Finale liegen mag.
Weitere Vorstellungen von «Cowboys & Clowns» zu verschiedenen
Terminen noch bis 3. Oktober. Vorverkauf unter der Rufnummer (0
60 32) 25 25.
© 2004 Frankfurter Neue Presse
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